Geschichte

Pro-Afrika

 

Das Bild von Afrika in den Medien ist von Kriegen und Katastrophen geprägt. Wir Europäer wissen oft wenig über die Menschen, die ihre afrikanische Heimat verlassen müssen. Viele Afrikaner leben inzwischen in Berlin, auch in Berlin-Schöneberg. Sie müssen sich in einer völlig anderen Kultur zurechtfinden, treffen immer wieder auf Vorurteile und Probleme mit den deutschen Behörden. Der schwarze Kontinent hat aber nicht nur Schattenseiten, sondern ist ein riesiger, vielfältiger Kontinent mit unterschiedlichen Nationalitäten und einer alten Kultur. Der Verein Pro-Afrika in Berlin-Schöneberg möchte Brücken bauen zwischen Afrikanern und Europäern.

Die zentrale Initiative zur Vereinsgründung ging von der Familie Kissasse aus. „Mein Bruder und ich hatten die Idee, Afrika zu präsentieren und alle afrikanische Nationalitäten sollten sich hier willkommen fühlen. Die meisten afrikanischen Vereine sind einzelnen afrikanischen Nationalitäten verpflichtet. Wir wollten einen Verein für alle Menschen aus Afrika und für andere Deutsche, die Interesse an Afrika haben“, erzählt Irène Kissasse. Zusammen mit weiteren Freunden gründeten sie am 29. März 2006 im Afrika-Haus in der Bochumer Straße den Verein Pro-Afrika.

 

Politische Aktivitäten

 

Die ständige Sorge der Menschen, die aus Afrika nach Deutschland kommen, ist die Angst abgeschoben und wieder in das Land gebracht zu werden, aus dem sie geflohen sind. „Zu Anfang haben wir sehr viele spontane Aktionen gemacht, um das Thema der Abschiebung publik zu machen. Es ging um Manuel Kaspero, ein Asylbewerber, der abgeschoben werden sollte. Wir ketteten uns vor dem Gefängnis des Abschiebe-Gewahrsams in Köpenick an, hielten Mahnwachen vor dem Gefängnis, demonstrierten vor der Ausländer-Behörde und begleiteten und berieten Manuel Kaspero beim Abschiebeverfahren. Seine Abschiebung konnten wir leider nicht verhindern, berichtet Irène Kissasse und in Schönefeld verteilten wir Flyer, um Passagiere darauf aufmerksam zu machen, das hier jemand abgeschoben wird.“

Aufzuklären über Probleme, die sich für einen Ausländer aus den deutschen Asyl- Gesetzen ergeben, ist ein vordergründiges Anliegen des Vereins. Pro-Afrika bietet eine kontinuierliche Betreuung und Beratung für Afrikaner und Afrikanerinnen, die in Berlin leben. Gerade die Rechtsberatung spielt immer wieder eine große Rolle. „Die Gesetzgebung für Ausländer ist in Deutschland langwierig und kompliziert, so dass Menschen und ihre Kinder, die seit 17 Jahren hier leben, noch abgeschoben werden können. In der Schweiz oder auch in Belgien z. B. wird innerhalb eines Jahres entschieden, ob der Afrikaner bleiben darf oder nicht“, erzählt Irène Kissasse. Pro-Afrika hat sich inzwischen zu einem verlässlichen Partner für Beratungen entwickelt.

Projekte in Afrika, die das Leben der Menschen dort verbessern sollen, auch dafür engagiert sich der Verein. Zum Beispiel ist „Afereje“ ein Projekt für Kinder und Jugendliche im Kongo, die in Kinshasa als Waisenkinder auf der Straße leben. Das Projekt gibt ihnen die Möglichkeit einer Unterkunft und eine handwerkliche Ausbildung mit einem anerkannten Zertifikat der Regierung. Damit haben sie eine reelle Chance, eine andere Lebensperspektive, als die, sich als Kindersoldat bekannt zu machen, Soldat zu werden und in den Krieg zu ziehen.

 

Pro-Afrika etabliert sich

 

Der Verein zog im Jahr 2007 von Charlottenburg nach Schöneberg in ein Büro in der Grunewaldstraße 83: „Als Verein sind wir erst hier in Schöneberg so richtig aktiv geworden. Unsere Idee war immer ein Afrika-Zentrum zu etablieren. Es sollte einen Ort für Afrikaner und Afrikanerinnen, aber auch für Afrika - Interessierte in Berlin geben, wo sie sich treffen und miteinander diskutieren können, um gegenseitige Vorurteile abzubauen. Für viele Menschen ist Afrika wie ein Land, aber es ist ein Kontinent mit vielen Nationalitäten. Die Unterschiede sind größer als beispielsweise die zwischen Portugiesen und Dänen. Und es gibt viel mehr Nationalitäten als die der heutigen 53 Länder.

Durch Kunst- und Kultur-Veranstaltungen aus den verschiedenen Ländern soll man erleben können, dass Afrika ein interessanter und wunderschöner Kontinent ist. Im Austausch könnten neue Ideen entwickelt werden, wie man Länder in Afrika unterstützen kann, aber auch in Berlin lebende Afrikaner. Dazu gehört natürlich eine Bibliothek, in der man alle Informationen über die verschiedensten Bereiche von und über Afrika bekommen kann, auch von Afrikanern, die in Berlin leben“.

Mit diesem Konzept hat Pro-Afrika Stellen aus dem öffentlich geförderten Beschäftigungssektor in Berlin (ÖBS) beantragt und bewilligt bekommen. So konnten sich formale Strukturen entwickeln. Insgesamt sieben Mitarbeiter unterstützten den Verein. Drei Mitarbeiter waren in der Beratung tätig. Ein Mitarbeiter hat die gesamte EDV organisiert. Eine Mitarbeiterin organisierte Veranstaltungsreihen und betreute die Internetpräsenz. Dank dieser Unterstützung war Pro-Afrika bei Straßenfesten, dem Friedensfestival, dem Friedenslauf, dem Karneval der Kulturen und anderen Veranstaltungen in der Öffentlichkeit präsent.

 

Irène Kissasse, die ehrenamtlich arbeitet, hatte wieder Zeit, ihre Idee eines Afrika-Zentrums zu verfolgen. Um ihre Vorstellung in einem breiteren Rahmen publik zu machen, baute sie ein Netzwerk zu anderen Vereinen und politischen Gruppen auf. Schließlich gibt es in Berlin über 170 afrikanische Vereine, die ihre Interessen und Erfahrungen einbringen könnten. Teil der Netzwerkarbeit ist die Zusammenarbeit mit dem Afrika-Medien-Zentrum in der Torfstraße 12. Auch hier finden Veranstaltungen von Pro-Afrika statt, um ihre Idee vom Afrika-Zentrum weiter zu tragen. Das Afrika-Medien-Zentrum publiziert zwei deutsche Magazine für Afrikaner: Das Lo- Nam, das afrikanische Magazin und das African Challenge, das afrikanische Sportmagazin. Zusammen planen sie ein afrikanisches Netzwerk für afrikanische Informationen, um Afrika, Afrikaner und afrikanische Interessen stärker in den Medien bekannt zu machen. Über afrikanische Politik, Kultur, Kunst und Soziales sollen Informationen schnell, gezielt, nachhaltig und regelmäßig an die Medien verschickt werden. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

 

Der Weg zum Afrika-Zentrum

 

Das die Verwirklichung eines Nationalitäten übergreifendes Afrika-Zentrum eine umfassende und schwierige Aufgabe ist, verdeutlicht Irène Kissasse. Sie kommt aus der demokratischen Republik Kongo und ist in Berlin-Reinickendorf aufgewachsen. Im Kongo gibt es mehr als 325 Sprachen. Das sind keine Dialekte, sondern Sprachen.

Diese Nationalitäten - Vielfalt zeigte sich z.B. bei der afrikanischen Fraueninitiative, die vor einigen Jahren gegründet wurde. Gleich am Anfang gab es hier insgesamt acht Nationalitäten. Wir fanden aber eine gemeinsame Sprache, und das ist die deutsche Sprache. Die meisten afrikanischen Frauen lernen sehr schnell deutsch, sei es über den Beruf oder Studium und aus dem Interesse heraus, das nur über die Sprache eine Integration möglich ist. Einen ersten Versuch für ein kleines Afrika-Zentrum ergriffen wir im Jahr 2007, als direkt gegenüber unserm Büro eine Kneipe frei wurde. Wir eröffneten hier das afrikanische Restaurant - Café „Mokolaï“, in der Lesungen, Musik, Kunst und Kultur stattfanden sowie Vorträge und Workshops. Das „Mokolaï“ war durchaus erfolgreich, aber die Präsenz im Café kostete uns sehr viel Zeit und die wesentliche Arbeit für Pro-Afrika kam zu kurz.“

 

Eine glückliche Vereinbarung

 

Glücklicherweise entwickelte sich eine Kooperation zwischen Pro-Afrika und dem Kunstforum B1. Im Oktober 2009 starteten sie ihre erste Veranstaltung mit der Filmreihe „Hollywood sieht Afrika“. Im November folgte die Filmreihe „DR Kongo – armes, reiches Land“ und eine Werkschau afrikanischer Künstler aus dem Kongo. Erfolgreich war der interaktive Workshop mit Lawrence Oduro-Sarpong aus Ghana. Der interkulturelle Experte und Trainer, Mediator und Coach setzte seine Reihe „Weißsein – ein Privileg“ in einem zweiten Workshop fort. Kunstforum B1 macht sozusagen genau das, was wir mit dem Mokolai versucht hatten. Nur gibt es hier den erfahrenen Gastronomen Bernhard Lückfeldt. Wir können uns inhaltlich auf die Veranstaltung konzentrieren und B1 macht den äußeren Rahmen. Es gibt es einen kleinen Raum, wo wir unsere Filme zeigen oder Lesungen und Workshops machen können. Die Galerie ist ideal für Ausstellungen und im unteren Bereich gibt es den großen runden Tisch, wo Tagungen, Diskussionen und Meetings stattfinden, alles mit Getränken und Essen. Es gab schon so manches kulinarisches Erlebnis.

 

Die Geschichte des schwarzen Kontinentes, die Pro-Afrika vorstellen möchten, ist sehr viel älter ist als die 125 Jahre seit der Kolonialzeit. Im Kunstforum B1 in der Belziger Straße fanden regelmäßig Kultur- Veranstaltungen statt, zu denen alle Berliner und Schöneberger herzlich eingeladen waren. Auch Ideen und neue Projekte finden bei Pro-Afrika Unterstützung. Hoch her ging es beim Afrika-Talk-Berlin, der sich im Afrika-Medien-Zentrum traf und einmal im Monat reihum bei verschiedenen afrikanischen Vereinen in Berlin stattfand. Auch in Berlin kann Afrika sehr spannend sein.

 

Erika von Hören

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